Natürliche Wuchsformen:
Jedes Gehölz hat eine genetisch festgelegte Wuchsform. Wenn es sich in der Natur frei entwickeln darf, bildet es einen arttypischen Habitus aus. So hat eine Rotfichte normalerweise einen bis zur Spitze durchgehenden Stamm und eine gleichmäßige, kegelförmige Krone mit gleichmäßigen Ästen. Eine Eiche entwickelt dagegen typischer Weise einen kurzen Stamm und eine breite und gewölbte Krone mit unregelmäßigen Ästen.
Vom Wetter geformt:
Je nach Standort und Witterungseinflüssen wird diese Wuchsform jedoch auch beeinflusst und verändert. Starker Wind, winterliche Schneelasten, Lawinen, Überschwemmungen und ähnliches können das Erscheinungsbild und den Charakter eines Baumes maßgeblich beeinflussen. So findet man im Alpinen Raum beispielsweise auch Fichten mit gedrehten Stämmen und einer unregelmäßigen Krone sowie Eichen, die in einer Gruppe sehr lange und gerade Stämme ausgebildet haben.
Die Natur als Vorbild:
Auf Grundlage der in der Natur vorkommenden Wuchsformen wurden in Japan auch für Bonsai verschiedene Grundformen definiert. Schließlich sind uralte Baumveteranen und bizarr gewachsene Überlebenskünstler einzigartige Individuen, die als Vorbilder für ihre Miniaturausgabe als Bonsai dienen.
Chokkan – streng aufrecht
Der kräftige Stamm verjüngt sich gleichmäßig, ist durchgängig bis zur Spitze und möglichst gerade. Die Äste sind gleichmäßig verteilt und die Kronenform kegelförmig.
Moyogi – frei aufrecht
Der Stamm hat eine mehr oder weniger starke Bewegung und ist durchgängig. Der Kronenaufbau ist harmonisch, ausgeglichen und der Stammansatz und die Baumspitze befinden sich im Lot.
Hokidachi – Besenform
Der Stamm ist kräftig und absolut gerade. In einer bestimmten Höhe streben die Äste gleichmäßig verteilt auseinander und bilden eine schirmartige Krone. Der Wurzelansatz ist besonders ausgeprägt.
Kengai – Kaskade
Der Stamm neigt sich über den Schalenrand nach unten und die Spitze des Baumes oder ein Teil der Krone sind niedriger als der Schalenboden. Der Stamm kann mehr oder weniger Bewegung aufweisen.
Han-Kengai – Halb-Kaskade
Der bewegte Stamm ragt seitlich über den Schalenrand hinaus und hat eine leichte Abwärtsbewegung. Die Spitze des Baumes oder die Baumkrone liegen nicht tiefer als der Schalenboden.
Shakan – geneigter Stamm
Wurzelansatz und Baumspitze befinden sich nicht im Lot. Der geneigte Stamm ist mehr oder weniger bewegt. Die Krone und der Wurzelansatz auf der Neigung entgegen gesetzten Seite, sollten möglichst ausgeprägt sein, um ein Gegengewicht zu erzeugen.
Sokan – Doppelstamm
Zwei Stämme haben den gleichen Wurzelansatz und bilden eine gemeinsame Krone. Ein Stamm ist kräftiger, höher und gibt die Form des kleineren, dünneren Stammes vor (Drei Stämme = Sankan).
Kabudachi – Mehrfachstamm
Mehr als drei Stämme wachsen aus dem gleichen Wurzelsystem, bilden eine gemeinsame Krone und sind im gleichen Stil geformt. Die Zahl der Stämme sollte unterschiedlich stark und ungerade sein. Wenn die Stämme aus einer hochgewölbten Wurzelplatte entspringen, handelt es sich um die Gestaltungsform „Korabuki“ (Schildkrötenpanzer).
Yose-ue Waldform
Mehrere Bäume sind harmonisch in einer Gruppe zusammen gepflanzt und bilden eine Einheit. Die Pflanzen unterscheiden sich in Alter, Höhe und Stammdurchmesser. Die Zahl der Individuen sollte ungerade sein.
Bunjingi – Literatenform
Der lange mehr oder weniger bewegte Stamm verjüngt sich kontinuierlich und ist verhältnismäßig dünn. Die Krone ist locker aufgebaut und befindet sich nur im oberen Drittel der Gestaltung.
Fukinagashi – windgepeitschte Form
Form Die Hauptbewegungsrichtung ist bei allen Ästen gleich. Die Stammneigung entspricht häufig der Bewegungsrichtung der Äste. Der Wurzelansatz ist besonders kräftig ausgeprägt. Die Äste auf der windabgewandten Seite verlaufen geradlinig und parallel zur Erdoberfläche. Äste auf der windzugewandten Seite sind stark gebogen, wurden entfernt oder als Jin gestaltet. Bei einem geraden Stamm, sollte dieser entsprechend kräftig sein.
Ikadabuki – Floßform
Der Hauptstamm liegt auf der Erdoberfläche und verbindet mindestens fünf senkrechte mehr oder weniger stark geformte Stämme miteinander. Die Stämme sind unregelmäßig verteilt, unterschiedlich hoch und bilden eine harmonische Einheit.
Ishitsuki – Felsenpflanzung
Die Pflanze wächst auf dem Felsen und die Wurzeln erreichen nicht den Boden. Die Pflanze kann größer aber auch kleiner als der Fels sein. Es können auch mehrere und verschiedene Pflanzen auf einen Stein gepflanzt werden.
Seki-joju – Wurzel über Stein
Die Wurzeln wachsen an, um oder über einen Stein bis in die Erde. Sie folgen harmonisch der Struktur des Steines und umklammern diesen fest und vollständig.
Neagari – Wurzelstammform
Die Wurzeln der Pflanze ragen mehr oder weniger aus der Erde heraus. Die Wurzeln, der Stamm und die Krone können unterschiedlich geformt sein. Teilweise wird der Stamm auch vollständig aus den Wurzeln gebildet und eine Gestaltung zur Halbkaskade ist häufig.